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12. Okt. 2011 Naturschutz Senne

Folgenutzung des Truppenübungsplatzes Senne in NRW nach Abzug der Briten
Offener Brief an den Bundesumweltminister  und Landesumweltminister, mit Begleitdokumenten

Schreiben des Präsidenten des Deutschen Naturschutzrings
Schreiben des Landesbüros der Naturschutzverbände NRW
Gemeinsames Schreiben des Sprechers der Bezirkskonferenz Naturschutz OWL und des Vorsitzenden des Fördervereins Nationalpark
Vorabdruck des Manuskripts „Truppenübungsplätze und Umwelt- und Naturschutz“

 

Sehr geehrter Herr Dr. Röttgen, sehr geehrter Herr  Remmel,
 
nach dem angekündigten Abzug der britischen Streitkräfte in Deutschland innerhalb der kommenden zehn Jahre stellt sich für den Truppenübungsplatz Senne in NRW die Frage der Folgenutzung. Dabei ist aus der Sicht unserer Verbände vorrangig zu berücksichtigen, dass die Senne auf Grund ihres Arteninventars FFH- und EU Vogelschutzgebiet ist und als Natura 2000 Gebiet eine europaweite Bedeutung hat. Mit 5.000 Tier- und Pflanzenarten, über 900 davon Rote-Listen-Arten, ist die Senne der wertvollste Landschaftsraum in NRW.  

Wenn jetzt im politischen Raum z. T. gefordert wird, die Senne oder größere Teile davon sollten nach Abzug der Briten von der Bundeswehr übernommen werden und dies auch im Fokus von Überlegungen zur Restrukturierung unsere Streitkräfte  im Verteidigungsministerium steht, dann erfüllt uns das mit großer Sorge. Dabei betonen wir ausdrücklich, dass es uns nicht um den BW Standortübungsplatz Stapel bei der Gemeinde Augustdorf eht; ihn haben wir nie in Frage gestellt.
 
Unstrittig ist, dass die Senne den weitgehenden Erhalt ihrer ökologischen Vielfalt dem Militär verdankt, das sie seit über hundert Jahren als Truppenübungsplatz nutzt; doch es ar nicht die militärische Nutzung sondern die Aussperrung anderer Nutzer, die den Erhalt der Artenvielfalt ermöglicht hat. Es sollte auch unstrittig sein, dass militärisches Üben immer mit einem mehr oder minder großen, schleichenden Prozess der Umweltbelastung und Naturzerstörung verbunden ist. Die Senne hat ihren ökologischen Wert nicht wegen, sondern trotz der militärischen Nutzung erhalten.
 
Dass dies nicht allein die Auffassung der Paderborner Natur- und Umweltschutzverbände ist,  entnehmen Sie bitte u. a. den folgenden beigefügten Anlagen:
 

  1. Schreiben des Präsidenten des Deutschen Naturschutzrings Hubert Weinzierls an den Bundesverteidigungsministers Dr. Thomas de Maizière v. 7.7.11,
  2. gemeinsames Schreiben des Sprechers der Bezirkskonferenz Naturschutz OWL Karsten Otte und des Vorsitzenden des Fördervereins Nationalpark Senne-Eggegebirge Prof. Dr. Karl Otto an den Präsidenten des Landtags NRW v. 1.9.11, 
  3. Vorabdruck des Manuskripts „Truppenübungsplätze und Umwelt- und Naturschutz“ von Prof. Dr. Roland Sossinka (Fak. F. Biologie der Universität Bielefeld) v. September 2011 ,
  4. Schreiben des Landesbüros der Naturschutzverbände NRW für LNU, BUND und NABU an den Kreis Gütersloh v. 30.9.11.

 
Besonders aus dem zuletzt genannten Schreiben des anerkannten ehrenamtlichen Naturschutzes in NRW mit der Stellungnahme der Verbände zu der beantragten intensivierten Nutzung des Truppenübungsplatzes Senne können Sie entnehmen, in welchem Umfang das militärische Üben dem einmaligen Landschaftsraum der Senne Schaden zufügt. In diesem Schreiben wird auch deutlich, dass die Nutzung der Senne als Truppenübungsplatz  ständig zu Konflikten mit dem Naturschutz führt. Daher würde ein militärisches Üben in der Senne durch die Bundeswehr in Zukunft nur mit Einschränkungen möglich sein: Die Restriktionen, die aus der europarechtlichen Unterschutzstellung resultieren
(FFH-Verträglichkeitsprüfung und Verschlechterungsverbot), würden ständig konfliktträchtig sein und Einschränkungen erfordern. 

Wir zitieren auszugsweise aus dem Schreiben des Landesbüros (S. 9):


Es sei in diesem Zusammenhang auf folgende Beispiele von Schädigungen des Landschaftsraums und des Ökosystems der Senne durch die militärische Nutzung hingewiesen:

  • weiträumige Beunruhigung und Verlärmung des gesamten Landschaftsraumes durch den militärischen Übungsbetrieb,
  • Versiegelung und Verfestigung des Bodens durch Baumaßnahmen mit Beton und Asphalt (Bau von Gebäuden, Übungseinrichtungen wie Schießanlagen, Biwakplätzen, Munitionsdepots, Paradeplätzen usw. ),
  • besonders beeinträchtigend die Zerschneidung von Lebensräumen und Ökosystemen durch  Anlage und Benutzung von Verkehrswegen wie z. B. betonierten Panzerstraßen der bis zu 50 m breiten Panzerpisten, verbunden mit einer Verdichtung des Bodens,
  • Veränderung des Landschaftsbildes durch Anlage von Staugewässern für Löschzwecke, Dünenabbau zur Sandgewinnung, Errichtung von Erdwällen für Schießfänge, Anlage von Brandschneisen usw.,  
  • Eintrag von Fremdmaterial wie Kalkschotter für Panzerpisten mit entsprechender Veränderung der Bodenchemie und des Grundwassers,
  • Beeinträchtigung von Flora und Fauna durch Staubemissionen, z.B. durch zermalmten Kalkschotter, durch Winderosion, durch Abgase, Ölverluste und Feinstaub von Dieselmotoren der Militärfahrzeuge,
  • Gefahr der Kontamination von Boden, Grundwasser und Fließgewässer durch Schadstoffeinträge von Fahrzeugen schon im Normalbetrieb, erst recht aber bei immer wieder auftretenden Havarien etwa durch Unachtsamkeit,
  • Schadstoffeinträge in die Biosphäre besonders durch hochgiftige Munitionsreste und Sprengstoffe sowie Schwermetalle dazu Arsen, Buntmetalle und Phosphor; ferner Reinigungsmittel (Chlorkohlenwasserstoffe u.a.) und Kraftstoffe,
  • Vernichtung von Ökosystemen durch Brände (jährlich über 30) auch an den Stellen, wo man sie nicht zum Offenhalten von Heideflächen haben will  und auch zu einer Jahreszeit, in der man so genannte ökologische Feuer nie anlegen würde.

 
Wir appellieren an Sie, sehr geehrter Herr Dr. Röttgen als Bundesminister für Umwelt und Naturschutz sich im Kabinett gegenüber Ihrem Kollegen, dem Verteidigungsminister Herrn Dr. de Maizière dafür einzusetzen, dass der Truppenübungsplatz Senne in NRW nach dem Abzug der Briten aus der militärischen Nutzung herausgenommen wird und damit Nationalpark werden kann.
 
 In dem nachvollziehbaren Konflikt zwischen den Interessen von Militär, Wirtschaft und Natur könnten Sie deutlich machen, dass es zum militärischen Üben in der Senne auf dem Territorium der Bundesrepublik Alternativen gibt; diese Alternativen gibt es jedoch nirgendwo auf der Welt für den Erhalt einer so einmaligen Natur- und Kulturlandschaft wie der in der Senne. 
 
Für die Umsetzung unserer Nationalen Biodiversitätsstrategie, die Sie in Broschüren so nachdringlich gefordert haben, bietet sich hier in der Senne eine anderswo nicht wiederholbare Chance. Sie nicht zu nutzen wäre unverzeihlich! An der Schnittstelle zwischen atlantischem Klima im Westen und kontinentalem Klima im Osten, der Norddeutschen Tiefebene im Norden und einer Mittelgebirgslandschaft im Süden hat sich nach der letzten Eiszeit auf nur 117 Quadratkilometern ein Mosaik unterschiedlicher Biotopstrukturen erhalten können, das wir in seiner Einmaligkeit für die Nachwelt erhalten müssen.
 
Wir bitten Sie, Herr Dr. Röttgen, zusammen mit Ihnen, Herr Remmel, sich in einer ‚Koalition’ wie sie im Kreis Lippe bereits besteht, gemeinsam dafür einzusetzen, dass unsere Vision Wirklichkeit wird und dass das, was  für Geologen wie Biologen bereits jetzt eine ökologische Einheit bildet auch aus naturschutzrechtlicher Sicht zu einer Einheit verschmelzen wird: Zu einem großen  „Nationalpark Senne – Eggegebirge – Teutoburger Wald“ -  zum Wohle von Mensch und Natur!
 
Mit freundlichen Grüßen
Fritz Buhr
 
Für die Verbände der AG Natur und Umwelt Paderborn zeichnen:
 
Naturwissenschaftlichen Verein Paderborn
Michael Bellinghausen, Vorsitzender
 
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Kreisgruppe Paderborn
Herbert Gruber, Sprecher der Kreisgruppe
 
Naturschutzbund Deutschland  (NABU), Kreisgruppe Paderborn
Thomas Hüvelmeier, Sprecher der Kreisgruppe
 
Gemeinschaft für Naturschutz Senne und Ostwestfalen-Lippe e.V. (GNS)
Dieter Kerstingtombroke, Vorsitzender
 
Gemeinnützige Umweltschutzverein pro grün Paderborn e.V.
Fritz Buhr, Vorsitzender

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